Rückblick auf das Sommersemester 2020


Erstes Corona-Semster@TU Darmstadt aus studentischer Perspektive

Gastbeitrag von Vertr.-Prof. Dr. Christian Müller, Luisa Joel & Dorothee Haake

Das im folgenden beschriebene Projekt konnte durch das Förderprogramm Studentische E-Learning Experten“ unterstützt werden. Dieses widerum ist Teil des hessenweiten Projekts „digLL – Digital gestütztes Lehren und Lernen in Hessen“.

Hintergrund

Alles neu im Sommersemester 2020? Zumindest die Hochschullehre war ziemlich neu und fand aufgrund von Covid-19 erstmals ausschließlich digital und ohne Präsenzveranstaltungen statt. Wie diese „neue Lehre“ von Studierenden wahrgenommen wurde und sich während des Semesters veränderte, war Gegenstand vorliegender Studie. War der Arbeitsaufwand höher? War die Lehre besser oder schlechter? War die soziale Eingebundenheit geringer? Welche Lernbedingungen veränderten sich? War Moodle mehr als nur Folienspeicher? Was sind Vor- und Nachteile digitaler Lehre? Was sollte verbessert werden?

Methode

Dazu wurden 198 TeilnehmerInnen zweier fachübergreifender Vorlesungen in Psychologie (Einführung psychologische Diagnostik, Einführung Testtheorie) drei Mal im Sommersemester 2020 befragt (erste Sitzung, Mitte und vorletzte Sitzung). Die TeilnehmerInnen waren durchschnittlich 23,6 Jahre alt, studierten seit 6,16 Semester und waren 70,4% weiblich, 28,9% männlich oder 0,7% divers. Der Fragebogen umfasste Aussagen zur digitalen Lehre im Sommersemester, die von den TeilnehmerInnen hinsichtlich Zustimmung auf einer Skala von 1-5 beantwortet wurden (1=stimme nicht zu, 2=stimme eher nicht zu, 3=weder noch, 4=stimme eher zu, 5=stimme zu). Die Grenze zwischen Ablehnung (<3) und Zustimmung (>3) lag stets bei „3“. Abgefragt wurden u. a. Unterrichtsaspekte (Qualität, Arbeitsaufwand, Fairness, Motivation), soziale Integration (Eingebundenheit, Ausschluss), DozentInnen (Feedback, Unterstützung) und Moodle-Nutzung. Im Folgenden werden die Ergebnisse der Trendstudie berichtet (je Messzeitpunkt wurden alle anwesende TeilnehmerInnen berücksichtigt; siehe Abb. 1).

Ergebnisse

Unterrichtsqualität blieb insgesamt gleich: 🙂 , meist Frontalunterricht: 🙁 , eher passive Lernende: 🙁

Aus Studierendensicht hat sich die Qualität der Hochschullehre durch die digitale Lehre im Sommersemester 2020 nicht verbessert (auch nicht verschlechtert) und diese Einschätzung blieb auch während des Sommersemesters stabil. Ebenso stabil war die Einschätzung, dass die Qualität der Hochschullehre eher unabhängig vom jeweiligen Unterrichtsformat (digitale vs. konventionelle Lehre) sei. Weiter erlebten sich die Studierenden im Hochschulunterricht mehrheitlich und über das Semester hinweg als eher passive, folienlernende ZuhörerInnen. Die Zustimmung zur Aussage, Hochschulunterricht sei meist Frontalunterricht, wurde stets eher zugestimmt (stets über 3), schwankte aber signifikant im Semester.

Arbeitsaufwand nahm zu: 🙁

Der Arbeitsaufwand im digitalen Semester wurde zu allen drei Messzeitpunkten als deutlich erhöht eingestuft (stets über 3, nahe 4), aber schwankte signifikant im Semester und wurde mal mehr, mal weniger zugestimmt.

Soziale Integration nahm eher ab: 🙁

Der Aussage, dass die digitale Lehre keine geringere soziale Eingebundenheit bedingt, wurde während des gesamten Semesters stets eher nicht zugestimmt (stets unter 3; die soziale Eingebundenheit wurde durch die digitale Lehre also eher schlechter), aber verbesserte sich geringfügig signifikant während des Semesters. Die Zustimmung, dass sich Studierende aufgrund digitaler Lehre sozial ausgeschlossen fühlten schwankte (nicht signifikant) und wurde zu Semesterbeginn erst leicht zugestimmt (3,16), gegen Semesterende eher nicht mehr zugestimmt (2,84).

Flexibilität nahm zu: 🙂 , Fairness blieb gleich: 🙂

Einer eingeschränkten Alltagsflexibilität wurde im digitalen Semester stets deutlich nicht zugestimmt. Der Einfluss digitaler Lehre auf die Fairness (Benachteiligung/Bevorteilung leistungsschwacher/leistungsstarker Studierender) wurde ebenfalls über das Semester hinweg stets als eher nicht vorliegend eingeschätzt (stets um 3). Dem negativen Einfluss digitaler Lehre auf die eigenen Leistungen, wurde sogar mehrheitlich eher nicht zugestimmt (stets unter 3).

Motivation blieb erhalten: 🙂

Die relativ hohe Lern- und Leistungsmotivation (stets über 3 oder 4) zu Semesterbeginn veränderte sich nicht und blieb während des Semesters stabil erhalten.

Relevanz sozialer Lernbedingungen: bleibt erhalten: 🙂

Die Relevanz sozialer Lernbedingungen, z. B. Kontakt mit anderen KursteilnehmerInnen, Gruppendiskussionen, Gruppenzugehörigkeit wurde als relativ hoch eingeschätzt und blieb während des Semesters stabil erhalten (stets über 3, meist nahe 4).

DozentInnen: Instruktionen 🙂 , Deadlines: 🙂 , Ermutigung: 🙁 , Feedback: 🙁 , Einbindung: 🙁 , Förderung Gemeinschaftsgefühl: 🙁

Die Einschätzungen der DozentInnen aus Studierendensicht verweisen auf eine günstige Kommunikation von Lernzielen und deadlines von Aufgaben, aber auf Defizite bei der Feedback-Qualität, Einbezug und Ermutigung der Lernenden (nahe 3). Insbesondere die Förderung des Gemeinschaftsgefühls durch DozentInnen, wurde über das Semester hinweg als eher gering eingeschätzt (zwischen 2,3-2,5).

Moodle: 🙂 , Moodle-Nutzung: 🙁

Moodle ist bei Studierenden beliebt, aber die Wahrnehmung, wie Moodle hauptsächlich genutzt wurde, schwankte signifikant. Der Aussage, dass Moodle hauptsächlich als Folien- und Literaturspeicher eingesetzt wird, wurde erst relativ hoch zugestimmt (3,64), dann eher nicht zugestimmt (2,62) und gegen Semesterende wieder mehrheitlich zugestimmt (3,45).

Abb. 1: Mittelwert je Messzeitpunkt (t1, t2, t3); 1=stimme nicht zu, 2=stimme eher nicht zu, 3=weder noch, 4=stimme eher zu, 5=stimme zu; * = signifikante Wahrnehmungsveränderung während des Semesters
Abb. 2: Weitere Studienergebnisse (N=105, Messzeitpunkte t2+t3)

Diskussion

Insgesamt ist das erste digitale Semester wohl besser gelaufen als gedacht und die Qualität der Lehre hat sich aus Studierendensicht nicht negativ verändert. Zu den offensichtlichen Veränderungen im digitalen Semester zählten der erhöhte Arbeitsaufwand, die geringere soziale Integration, aber auch eine höhere Alltagsflexibilität. Der erhöhte Arbeitsaufwand könnte mit der Einführung neuer Kommunikationsmittel (Zoom) zusammenhängen, die von Studierenden und DozentInnen erst erlernt, installiert und ausprobiert werden mussten („hören Sie mich“, „sehen Sie mich“…). Der erhöhte Arbeitsaufwand könnte auch damit zusammenhängen, dass DozentInnen durchschnittlich „lieber zu viel als zu wenig“ Arbeitsmaterial und online-Aufgaben mit automatischen deadlines bereitstellten. Der erhöhte Arbeitsaufwand bei gleichbleibender Qualität ist dabei ungünstig, könnte aber auch mit der grundsätzlichen Neu-organisation zusammenhängen. Die hier (und in anderen Studien) berichtete abnehmende soziale Integration im digitalen Semester erscheint sehr bedeutsam und wird weiter verstärkt durch die gleichzeitig hoch eingeschätzte Relevanz sozialer Lernbedingungen (Gruppendiskussionen, Sozialkontakte, Akzeptanz). Die geringere soziale Integration könnte damit zusammenhängen, dass man sich im digitalen Semester viel weniger/gar nicht sah und das Privatleben ebenfalls sozial eingeschränkt war. Ein weiterer Grund könnte sein, dass relativ wenig Lehrveranstaltungen live und mit direkter Kommunikation stattfanden (Abb. 2: 49 % der Studierenden gaben an „wenig Lehrveranstaltungen finden synchron statt“). Sehr positiv war dagegen, dass die Lern- und Leistungsmotivation unverändert hoch blieb und dass Fairness und Gleichbehandlung als uneingeschränkt erlebt wurden. Weiter erlebten die Studierenden den Hochschulunterricht eher als Frontalunterricht und sich selbst als passiv Zuhörende. Dies könnte mit dem Lehrformat (Vorlesung, Seminar) und/oder DozentIn zusammenhängen und weniger mit der digitalen Lehre. Die Wahrnehmung zur Moodlenutzung schwankte relativ stark und verweist auf eine heterogene Nutzung zwischen den Lehrveranstaltungen, aber auch, dass Moodle hauptsächlich als Cloud für Folien und Literatur genutzt wurde. Die Wahrnehmung hinsichtlich DozentInnen-Feedback-Qualität und Förderung von Gruppenzugehörigkeit durch DozentInnen wurde als eher ungünstig eingeschätzt und könnte ggf. am digitalen Format liegen und dass dabei nur eingeschränkt soziale Interaktionen stattfanden. Da die Einschätzung jedoch bereits zum ersten Messzeitpunkt ungünstig war, verweist dies eher auf eine von der digitalen Lehre unabhängigen Wahrnehmung.

Verbessert werden sollte aus Studierendensicht demnach die soziale Integration, das Zeitmanagement (Arbeitsaufwand), die Moodle-Mediennutzung und die Unterstützung der Lernenden durch DozentInnen. Wie dies gelingt und ob eine höhere Standardisierung der Lehre (Lehrzertifikate, Evaluationen, regelmäßige Abgaben, Lernspiele) oder mehr persönliche Verantwortung von DozentInnen und Studierenden hierfür besser wäre, bleibt offen.

Methodische Vorteile und Einschränkungen

Vorteil vorliegender Studie war, dass drei Messzeitpunkte vorlagen, der erster Messzeitpunkt bereits in der ersten Semesterwoche lag und die Erhebungen stets innerhalb der Lehrveranstaltung stattfanden (gleiche Rahmenbedingungen). Nachteil war, dass die Stichproben der Trendstudie je Messzeitpunkt unterschiedlich waren (t1 n = 142, t2 n = 66, t3 n = 44), wobei die Ergebnisse der Panelstudie (nur TeilnehmerInnen, die an allen Messzeitpunkten anwesend waren) auf analoge Ergebnisse verweisen. Weiter einschränkend war, dass „die“ digitale Lehre des Semesters insgesamt beurteilt werden sollte, sich die Lehrveranstaltungen jedoch stark unterscheiden. Die vorliegende Stichprobe war zudem nur für BesucherInnen von fachübergreifenden Psychologievorlesungen repräsentativ.

Weitere Forschungsprojekte

Übersicht weiterer Forschungsprojekte zum Lernen und Lehren in Zeiten von Corona vom Hochschuldidaktischen Zentrum Sachsen

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