Medienkonzepte in der Digitalen Lehrerbildung: #3 Wikis


Studienanalysen mit Hilfe von Wikis erstellen und überarbeiten – Unterstützung des Selbststudiums und Peer-Feedback

(c) TU Darmstadt

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von praxiserprobten Medienkonzepten, die im Rahmen des zQSL-Projekts Digitale Lehrerbildung entstanden sind. Das Ziel der Ausarbeitungen ist es, Einblicke in verschiedene Lehraktivitäten und mediendidaktische Konzeptionen an der TU Darmstadt zu geben.

An der Konzeptualisierung, Ausarbeitung und Umsetzung der praxiserprobten Medienkonzepte waren beteiligt: Petra Grell, Gülsah Kilic, Tine Nowak, Franco Rau, Sophie Schaper, Anni Steiner, Julia Werthmüller und Marco Wolf.

In Teil 1 ging es um den Einsatz von Wikibooks, in  Teil 2  um den Einsatz von Flipped Classroom.

 

Wikis zur produktorientierten Auseinandersetzung mit Themen

Mit Hilfe von Fragen und Aufgaben lassen sich Anlässe schaffen, die Selbststudiumsphasen der Studierenden unterstützend zu strukturieren. Diese Aufgabenstellungen bieten das Potenzial, zur Reflexion des eigenen Lernens und der eigenen Lernstrategien beizutragen. Eine entsprechende Umgebung, wie z.B. ein Wiki eröffnet die Möglichkeit, Studierende bei einer produktorientierten Auseinandersetzung mit Themen zu unterstützen. Über die Öffnung des Wikis ist es Studierenden ferner möglich, Arbeitsergebnisse ihrer Kommiliton*innen einzusehen, diese quellentransparent zu referenzieren oder kritisch zu kommentieren.

Ein Wiki kann als eine Sammlung von Texten oder Inhalten im Internet verstanden werden. Diese Sammlung kann von Menschen nicht nur gelesen, sondern auch neu angelegt, erweitert und kollaborativ bearbeitet werden. Eine weitere zentrale Funktion eines Wikis ist der Versionsverlauf, durch den die verschiedenen Versionen einer Wikiseite sichtbar und nachvollziehbar werden können. Ebenfalls relevant ist die Möglichkeit vieler Wikis, Diskussionen über Inhalte auf eigenen Diskussionsseiten oder mit Hilfe von Plugins zu unterstützen. Die Wikipedia ist wohl das bekannteste Beispiel eines Wikis. Dokuwiki ist eine exemplarische Open-Source-Software, welche das Anlegen eines eigenen Wikis zu individuellen und kooperativen Zwecken ermöglicht.

 

Forschungsprojekte kritisch analysieren mithilfe eines Wikis

Studierende aus dem B.A. Pädagogik sowie aus dem Lehramt an beruflichen Schulen müssen im Rahmen ihres Studiums das Seminar Methoden der empirischen Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft belegen. Die zu erwerbenden Kompetenzen des Seminars werden im Modulhandbuch wie folgt formuliert:

  • „Kenntnis der Logik und des organisatorischen Ablaufs von empirischen Forschungsprojekten“ sowie
  • „Kritikfähigkeit im Hinblick auf die methodische Qualität empirischer Studien in der Erziehungswissenschaft” (Modulhandbuch BA Pädagogik 2011)

Im Rahmen des folgenden Szenarios wird dabei insbesondere das Ziel verfolgt, Studierende in die Lage zu versetzen, an einem gewählten Beispiel die grundlegenden Verfahren qualitativer und quantitativer Sozialforschung präzise zu identifizieren, die Reichweiten und Grenzen dieser Vorgehensweise mit Bezug auf forschungsmethodische Literatur bestimmen, die Problematiken und Spannungen erörtern und argumentativ begründete Vorschläge für forschungsmethodische Alternativen diskutieren zu können. Zur Förderung der Entwicklung dieser Kompetenzen werden die Studierenden mit der Aufgabe konfrontiert, eine methodenkritische Studienanalyse zu einer Dissertation zu verfassen. Zur Unterstützung dieses Analyse- und Schreibprojektes wird mit einem DokuWiki gearbeitet.

Dieser Prozess wird in Form von drei Phasen vorstrukturiert:

1. Erstellen einer Studienanalyse (Entwurfsfassung)

2. Formulierung einer begründete Einschätzung der anderen Entwurfstexte

3. Überarbeitung der eigenen Studienanalyse (finale Fassung)

Die Erstellung dieser Texte erfolgt in einem Tandem/Team von je zwei Personen, d.h. die Student*innen bearbeiten die Aufgaben zu zweit. Sinn dieses Ansatzes ist, dass die Studierenden untereinander über die Aufgaben und ihre Leistungen kommunizieren und im Dialog ein erweitertes Verständnis gewinnen. Die Studierenden müssen sich dafür im Seminar im Rahmen der ersten Phase in Tandems zusammenfinden und eine frei im Netz verfügbare Dissertation im Bereich der Erziehungswissenschaften zur Analyse auswählen. Um Studierenden Diskussionsmöglichkeiten jenseits des eigenen Tandems zu ermöglichen, analysieren mehrere Tandems die gleiche Dissertation. In Abhängigkeit der Anzahl der Teilnehmer*innen muss eine entsprechende Anzahl an Dissertationen für die Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Tandems/Teams mit mehr als zwei Personen sind aufgrund der erforderlichen Bewertungstransparenz nicht gestattet.

Ausschnitt einer Tandemseite zur Studie Wo verläuft der Digital Divide im Klassenraum? Rechts oben ist das Inhaltsverzeichnis der gesamten Seite zu sehen

Die Aufgabe der ersten Phase ist es, eine Analyse einer ausgewählten Dissertation in Form einer Entwurfsfassung zu formulieren. Der erste Analysetext muss nach ca. der Hälfte der Seminartermine im Wiki hochgeladen werden. In der Studienanalyse (Entwurfsfassung) verdeutlichen Studierende ihre Kompetenzen, eine zuvor ausgewählte sozialwissenschaftliche Studie kritisch zu analysieren.

Sie erläutern in dem von ihnen verfassten Text inwiefern die gesamte Studie der qualitativen Forschungslogik entspricht, ob die Forschungsfrage dem Forschungsgegenstand angemessen ist, in welcher Weise die Datenerhebungs- und Datenauswertungsverfahren der Forschungsfrage gegenüber angemessen sind, inwiefern die Sampleauswahl angemessen ist und inwiefern sich aus all diesen forschungsmethodischen Entscheidungen die Reichweiten und Grenzen der Untersuchungsergebnisse bestimmen lassen. Ein Raster zur Gliederung der Texte wird vorgestellt. Die Entwurfsfassung darf nicht mehr als 1.000 Wörter umfassen.

Im zweiten Schritt sollen die Studierenden den anderen Tandems, die an der gleichen Dissertation arbeiten, Rückmeldung zu ihrem ersten Analysetext geben. Auch dies geschieht per Wiki: Im Text Begründete Einschätzung müssen die Studierenden ein Ranking der im Wiki vorliegenden Studienanalysen anderer Teams vornehmen. Sie müssen begründen, warum der von ihnen auf Platz 1 gesetzte Text eine bessere, präzisere Analyse der Studie darstellt als die anderen Fassungen und wie sich die Abstufungen zwischen den Textfassungen ergeben. Die Begründete Einschätzung darf nicht mehr als 500 Wörter umfassen.

In der dritten Phase ist es Aufgabe der Studierenden, die Entwürfe aufgrund des Feedbacks der anderen Tandems und der Erfahrung des selbst formulierten Peer-Feedbacks zu überarbeiten. Die finalen Analysen gelten als Studienleistung für das Seminar. Die Endfassung darf dabei nicht mehr als 1.500 Wörter umfassen.

Das Wiki dient im Seminarkontext als zentrale Plattform zur selbstständigen Vertiefung bzw. Bearbeitung der im Seminar gestellten Aufgaben. Im Wiki werden organisatorische Aspekte (Links zu den Dissertationen, Einteilung der Studierenden in Tandems, Zuordnung der Tandems zu den Dissertationen) vonseiten der Lehrenden veröffentlicht. Zudem bietet die Plattform einen Raum zur Bewältigung der im Selbststudium zu erarbeitenden Aufgaben (z.B. Analysetexte, Rezensionen). Weiterhin bietet ein Wiki die Möglichkeit, Studierende in Gruppenarbeiten im Kontext von Selbststudiumsphasen zu unterstützen, da mehrere Nutzer*innen die gleichen Texte bearbeiten können. Die zentrale Sammlung der entstehenden Texte und die Transparenz der Arbeitsergebnisse von anderen Studierenden ermöglicht weiterhin die Einsicht in andere Lösungswege sowie das gegenseitige Kommentieren und Kritisieren bisheriger Arbeiten.

 

Chancen und Risiken des Peer-Feedback

Das gemeinsame Schreiben von Texten stellte für viele Pädagogik-Studierende eine Herausforderung im Umgang mit dem DokuWiki dar. Zur Einarbeitung in die Möglichkeiten von Dokuwiki bzw. zur Erstellung und Kommentierung von Texten wurden daher optionale Workshops zu Beginn des Semesters angeboten. Das Verfassen von Peer-Feedback bietet, sofern keine Rückmeldungen von Lehrenden erfolgen, Chancen und Gefahren zugleich. Zum einen besteht die Chance, dass Studierende über das Verfassen der Rückmeldungen sowie über das erhaltene Feedback die selbst erbrachte Leistung fundierter beurteilen können. Zum anderen besteht die Gefahr, dass Studierende nicht kritisch kommentieren, sondern ihr Ranking auf Basis formaler Aspekte begründen. Eine vertiefende fachliche Auseinandersetzung bleibt in diesem Fall häufig aus.

Das Seminar Methoden der empirischen Sozialforschung von Prof. Dr. Petra Grell fand am Arbeitsbereich Medienpädagogik statt.

Das ausführliche Konzept inklusive zusätzlicher Informationen (u.a. Zusammenfassung und Literaturverzeichnis) gibt es auch zum Mitnehmen als PDF.

Ergänzend zu diesem Erfahrungsbericht gibt es einen Didaktiktipp der HDA zu dem Thema „Wie gelingt der erfolgreiche Einsatz von Wikis in der Lehre„.

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