Medienkonzepte in der Digitalen Lehrerbildung: #2 Flipped Classroom


Flipped Classroom mit Moodle und Vorlesungsaufzeichnungen

(c) TU Darmstadt

Dieser Beitrag ist Teil einer Reihe von praxiserprobten Medienkonzepten, die im Rahmen des zQSL-Projekts Digitale Lehrerbildung entstanden sind.

Das Ziel der Ausarbeitungen ist es, Einblicke in verschiedene Lehraktivitäten und mediendidaktische Konzeptionen an der TU Darmstadt zu geben. An der Konzeptualisierung, Ausarbeitung und Umsetzung der praxiserprobten Medienkonzepte waren beteiligt: Petra Grell, Gülsah Kilic, Tine Nowak, Franco Rau, Sophie Schaper, Anni Steiner, Julia Werthmüller und Marco Wolf.

In Teil 1 ging es um den Einsatz von Wikibooks.

 

Neue Möglichkeiten für das Selbststudium durch Flipped Classroom

Das Konzept eines Flipped Classroom kann im Rahmen von Vorlesungen die Möglichkeit eröffnen, selbstorganisiert zu lernen. Der Grundgedanke beim Flipped Classroom (tw. auch Inverted Classroom) ist es, das klassische System der Lehre umzudrehen: Die Wissensvermittlung, die von den Lehrenden ausgeht, wird vor der Präsenzphase mit Hilfe von Online-Materialien, z.B. Vorlesungsaufzeichnungen oder Lernvideos realisiert. Die Präsenzzeiten können dadurch zum Nachfragen und Diskutieren genutzt werden. Ausgehend davon entsteht durch das Flipped Classroom eine Kombination von Präsenzveranstaltungen und digitalen Produkten, die als Grundlage des Lernens dienen.

Das Konzept eines Flipped Classroom wurde in der Pädagogik erprobt und richtete sich an Lehramtsstudierende sowie Pädagogik-Studierende im Grundstudium bzw. im Bachelorstudium. Im Sommersemester 2015 wurden die Vorlesungen Pädagogik der Neuen Medien (z.B. verortet im Pflichtmodul 2: Didaktik, Methodik, Medien, LaG 2009) mit etwa 250 Studierenden sowie Informationspädagogik (z.B. verortet im Wahlpflichtmodul 1: Informationspädagogik, LaG 2009) mit etwa 50 Studierenden als Flipped Classroom realisiert. Ziel der Veranstaltung war es jeweils, Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, spezifische Kompetenzen zu entwickeln, z.B. den Einsatz neuer Medien pädagogisch begründen und argumentativ vertreten zu können. Für die Vorlesung Pädagogik der Neuen Medien bedeutete dies exemplarisch, dass die Studierende durch die Auseinandersetzung mit den in der Vorlesung angesprochenen Inhalten in die Lage versetzt werden sollen:

  • aktuelle Herausforderungen durch neue digital-vernetzte Medien zu verstehen und diese Entwicklungen in theoriebasierte Kontexte einordnen können,
  • unterschiedliche Positionen und Perspektiven der erziehungswissenschaftlichen Fachdebatte unterscheiden zu können,
  • grundlegende (analytisch geprägte) Fragen an bestehende Lehr-Lern-Arrangements mit digitalen Medien zu richten und ebenso problematische Aspekte identifizieren zu können,
  • eigenständige Argumentationen unter Bezugnahme auf (medien-)pädagogische Fachtexte zu entwickeln.

Die zur Verfügung gestellten Videos und Aufzeichnungen bieten die Möglichkeit jederzeit zu pausieren, Abschnitte die schwer verständlich waren zu wiederholen oder Passagen komplett zu überspringen. Es ist begründet zu vermuten, dass diese Form überwiegend die Möglichkeit begünstigt, individuelle Lernprozesse selbstständig, dem eigenen Lerntempo entsprechend zu gestalten. Zur Unterstützung des selbstorganisierten Lernens können zusätzliche Orientierungsangebote, wie z.B. Verweise auf Fachliteratur oder Onlineforen zur Verfügung gestellt werden.

Ein Mix aus Selbstlernphasen und Diskussionsterminen zur Reflexion

Während den Flipped-Classroom-Vorlesungen erhielten die Studierenden die Gelegenheit, sich mit Hilfe einer aufgezeichneten Vorlesung individuell und nach eigenem Tempo mit relevanten Themen und Inhalten auseinanderzusetzen. So wurde der Versuch unternommen, einen produktiven Beitrag für die Unterstützung von Selbststudiumsphasen zu leisten. Zur Fokussierung der Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themen wurde die Veranstaltung auf ein Zeitfenster von sechs Wochen beschränkt. Zur Einführung in das Vorlesungskonzept wurde in der ersten Vorlesungswoche eine Orientierungsveranstaltung durchgeführt. Im Rahmen von vier Diskussionsterminen wurde den Studierenden die Möglichkeit eröffnet,

(1.) inhaltliche Verständnisfragen zu stellen,

(2.) ausgewählte Themen der Vorlesung unter exemplarischen Fragestellungen zu diskutieren sowie

(3.) offen über die Relevanz der unterschiedlichen (Fach-)Begriffe und Perspektiven zu diskutieren.

Der Abschluss der Veranstaltung und der Erwerb einer unbenoteten Studienleistung erfolgt über eine zeitlich befristete Onlineaufgabe. Für eine benotete Studienleistung bestand die Möglichkeit eine Open-Book-Klausur zu absolvieren.

Im Rahmen der Orientierungsveranstaltung wurde den Studierenden das Konzept eines Flipped Classroom erläutert. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden den Studierenden Videos zur Darstellung relevanter Vorlesungsinhalte digital zur Verfügung via Moodle und OpenLearnWare gestellt, welche sich die Lernenden jederzeit und überall ansehen können. In Anlehnung an Treeck et al. (2013) wurde den Studierenden zur Strukturierung der Selbstlernphasen bzw. zur Vorbereitungsphase der Diskussionstermine Orientierungsfragen zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe dieser Orientierungsfragen sollte den Studierenden ein Unterstützungsangebot eröffnet werden, um die zentralen Aussagen der Aufzeichnungen zu selektieren und sich die Kernkompetenzen anzueignen. Bei Verständnisproblemen hatten die Lernenden zudem die Möglichkeit, über eingerichtete Foren auf der Lehr-/Lernplattform Moodle jederzeit Fragen zu stellen, die von Tutor*innen und Lernenden beantwortet werden konnten.

Die Präsenzzeiten in Form von vier Diskussionsterminen sollten dazu genutzt werden, Fragen zum Gelernten stellen zu können, Inhalte zu diskutieren und Anknüpfungspunkte zu finden. Während rezeptive Bestandteile der Veranstaltung vor allem auf die Aufzeichnungen verlagert wurden, sollte der Fokus der Präsenzveranstaltungen auf der aktiven Teilnahme durch die Lernenden liegen. So sollte mehr Zeit für Fragen, Diskussionen, Lösungen der Orientierungsfragen oder zur Vorbereitung der Klausur vorhanden sein. In Anlehnung an Larcara (2014) wurde ein Austausch von Lehrenden und Lernenden angestrebt. Die Rolle des Lehrenden wird versucht eher als beratend anstelle belehrend umzusetzen. Zudem agierten studentische Mitarbeiter*innen als Ansprecherpartner*innen und Lernberater*innen in den Veranstaltungen. Dadurch wurde versucht den Lernenden eine aktivere und handlungsorientierte Arbeitsweise anzubieten (vgl. Bergmann/Sams, 2012).

 

Fazit: Geringe Vorbereitung trotz oder gerade wegen eines straffen Zeitplans?

Aufgrund dessen, dass die Veranstaltung auf sechs Wochen konzipiert wurde, wurde die zeitliche Flexibilität eingeschränkt. Dies erfolgte mit der Absicht, Studierenden Anlässe zur zeitnahen Vorbereitung auf die Präsenztermine zu schaffen. Das bedeutete für Studierende, sich vor jeder Veranstaltung Audio- oder Videocasts von etwa drei Zeitstunden anzuhören. In den Präsenzveranstaltungen zeigte sich jedoch, dass nur ein geringer Anteil der anwesenden Studierenden sich entsprechend vorbereitet hatte. So bestand in allen Präsenzsitzungen genügend Zeit, die inhaltlichen Fragen zu den Aufzeichnungen gemeinsam mit den Studierenden zu diskutieren. Zugleich zeigte sich aber auch, dass im Verlauf der Präsenztermine kaum noch inhaltliche Nachfragen von den Studierenden formuliert wurden.

Die Vorlesungen Informationspädagogik sowie Pädagogik der Neuen Medien wurden von Prof. Dr. Petra Grell am Arbeitsbereich Medienpädagogik gehalten.

Das ausführliche Konzept inklusive zusätzlicher Informationen (u.a. Zusammenfassung und Literaturverzeichnis) gibt es auch zum Mitnehmen als PDF.

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