Exkursion digital: Mittelalter in der Erinnerung ­– Orte, Handlungen, Vorstellungen


Gastbeitrag von Dr. Stephan Ebert und Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk

Das im Folgenden beschriebene Projekt konnte durch das Förderprogramm „Studentische E-Learning Experten“ unterstützt werden. Dieses wiederum ist Teil des hessenweiten Projekts HessenHub – Netzwerk digitale Hochschullehre.

Das Projekt

Geschichte vor Ort entdecken und erleben! Unter diesem Motto sollten Erinnerungsorte des Mittelalters im Raum Rhein-Main-Neckar im Rahmen einer Exkursion unter der Leitung von Prof. Dr. Gerrit Jasper Schenk und Dr. Stephan Ebert des Fachgebiets Mittelalter am Institut für Geschichte der TU Darmstadt erkundet werden. Studierende sollten in Kleingruppen eine digitale ‚Feldforschung‘ betreiben. Sie sollten die Geschichte von ausgewählten Orten in der Region, den Umgang mit dieser Geschichte und die Präsentation derselben ansehen, untersuchen, kritisch aufbereiten und in unterschiedlichen digitalen Formen präsentieren: Collage (Plakat/Poster), Präsentation (Webseite, Webvortrag, Kurzfilm, YouTube-Video) u.v.m. – der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt!

Ziel der Lehrveranstaltung war, dass Studierende Bezug zu lokalen Museen und Tourismuskonzepten nehmen, dadurch praktische Erfahrung im Bereich der Public History generieren, die Relevanz von (Lokal- und Regional-)Geschichte in der Öffentlichkeit diskutieren und den Konstruktionscharakter von Geschichte offenlegen: Wie wird Geschichte vor Ort präsentiert, wie mit ihr umgegangen und was wird möglicherweise nicht gezeigt? Wo liegen Grenzen des Machbaren? Untersucht wurden folgende Orte:

  1. Burg Breuberg
  2. Burg Frankenstein (Eberstadt)
  3. Friedberg (Burg und Stadt)
  4. Heppenheim (Altstadt)
  5. UNESCO Welterbestätte Kloster Lorsch
  6. Pfalz Gelnhausen
  7. Schloss Lichtenberg (Fischbachtal)

Digitale Umsetzung

Um das Projekt zu realisieren, wurde zunächst eine digitale Arbeitsumgebung in Moodle geschaffen. Die hierfür nötigen Datenbanken waren über den VPN-Client und die Universitäts- und Landesbibliothek Darmstadt zugänglich. Zur Grafik- und Videobearbeitung wurde im Bereich der technischen Hilfsmittel auf die Angebote des Hochschulrechenzentrums der TU Darmstadt verwiesen, um den Studierenden Lösungen ohne zusätzliche Kosten anzubieten.

Um das bestehende Programm zu erweitern und den Studierenden ein niedrigschwelliges Hilfsangebot auf peer-to-peer-Ebene zu machen, wurde zusätzlich eine studentische E-Learning-Expertin eingestellt. Als Fachtutorin des interdisziplinären Studienprojekts „Projekt.EINS“ unter Beteiligung der Geschichtswissenschaft verfügte die Hilfskraft, Laura Macho, bereits über Erfahrung in der Betreuung kollaborativer Lernumgebungen in digitalem Format. Zentrale Literatur zur Erforschung der Landesgeschichte ist jedoch häufig nicht online zugänglich, sodass einige Publikationen zunächst durch die Hilfskraft digitalisiert und in Moodle bereitgestellt werden mussten.

Abb. 1: Digitale Lernumgebung in Moodle

Nachdem zentrale Literatur – sowohl zur Erforschung der Erinnerungskultur und der Geschichtsvermittlung als auch zur Geschichte der jeweiligen Orte – zusammengetragen war, wurden in einer Vorbesprechung der Exkursion Konzepte der kulturellen Erinnerung, von ‚Erinnerungsfiguren‘, dem kollektiven Gedächtnis, zur Geschichtskultur/Public History und zur Inszenierung von Geschichte in einer Zoom-Sitzung diskutiert. Diese Sitzung diente dazu, die Exkursion in einen theoretischen Rahmen zu fassen, in dem die einzelnen Orte zu betrachten waren.

Danach stellten die Dozenten 23 Orte vor, die sich für das Projekt eigneten. Die Studierenden wählten daraus die bereits genannten sieben aus, machten sich an die Literaturrecherche und begannen ihre eigene ‚Feldforschung‘. Dafür waren neben organisatorischen auch technische und nicht zuletzt soziale Kompetenzen gefragt, denn die Studierenden wählten teilweise ambitionierte Konzepte: Luftaufnahmen der Burg Breuberg mithilfe einer Drohne (für die eine Genehmigung bei der zuständigen Verwaltung eingeholt werden musste), einen Video-Spaziergang durch Heppenheim oder einen Städtetrip ins mittelalterliche Friedberg mit digitalem Reiseführer! Andere Studierende lernten Figuren mithilfe des digitalen Tools „Animaker“ zu animieren und viele Projektergebnisse wurden mit Musik untermalt, was entsprechende Kenntnis von Schnitttechniken voraussetzte. Am Ende der Vorlesungszeit des Sommersemester 2021 wurden die Projekte in einer Zoom-Konferenz präsentiert.

Ergebnisse

Den Studierenden war es durch die digitale Exkursion insgesamt gelungen, das eigene Know-how zu erweitern und attraktive Projektergebnisse vorzustellen.

Durch das Konzept konnte die geschichtswissenschaftliche Expertise beispielsweise um Schnitt- und Animationstechniken, das Führen von Interviews – sei es mit Expert*innen oder Reenactment-Gruppen (also Gruppen, die historische Ereignisse nachstellen oder inszenieren) – sowie marktwirtschaftliches Denken im Sinne einer Bedarfsanalyse unter Berücksichtigung bereits bestehender touristischer Angebote vor Ort ergänzt werden.

Besonders für den künftigen Arbeitsmarkt war die digitale Exkursion eine wichtige Etappe, denn die Teilnehmenden konnten ihre Fähigkeiten und Kenntnisse erweitern und praktische Erfahrung im Bereich der Geschichtskultur und -vermittlung sammeln. In manchen Fällen hat der Austausch mit Expert*innen und Ansprechpartner*innen vor Ort zu ersten Kontakten in diesen Bereichen geführt. Wir wünschen den Studierenden, dass sie diese Erfahrungen weiter professionalisieren können!

Die Einstellung einer E-Learning-Expertin hat sich daher mehr als gelohnt. Die Digitalisierung zentraler Ressourcen und die Betreuung digitaler Umsetzungskonzepte war dadurch überhaupt erst möglich.

Abb. 2: Luftaufnahme mithilfe einer Drohne der Burg Breuberg (Foto: T. Kern und J. Falk 2021)
Abb. 2: Tourismuskonzept erarbeitet von B. Tanyildizi und A. Wolschendorf

Resümee

Im Vergleich zu einer regulären Exkursion, bei der sich Dozierende und Studierende in eine historische Stadt oder Region begeben und diese gemeinsam für eine gewisse Zeit erkunden (z. B. eine Woche), war die soziale Komponente deutlich geringer.

Inhaltlich haben sich die Studierenden ähnlich intensiv mit ihren jeweiligen Orten beschäftigt, doch war der zeitliche und technische Aufwand für die Präsentation ungleich höher.

Insofern fehlten den Studierenden zwar gesellige Abende und das gemeinsame Erlebnis in der ‚Fremde‘, doch schärfte das digitale Konzept der Exkursion Schlüsselkompetenzen für den Arbeitsmarkt, die sonst häufig im Rahmen eines Praktikums erworben werden.

Darüber hinaus, so denken wir, konnte eine Reflexion über ‚Geschichte vor Ort‘ und wie sich diese im öffentlichen Raum zeigt, angeregt werden.

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