Seamless Learning – Rückschau und Erkenntnisse aus der DINI-Zukunftswerkstatt 1


Letzte Woche am 10. und 11. Juni fand die alljährliche Zukunftswerkstatt der DINI (Deutsche Initiative für Netzwerkinformationen) an der Bergischen Universität Wuppertal statt – diesmal zum Thema „Seamless Learning – Ansätze in Hochschulen“.

wordle_seamless_learningBei Ihnen, wie auch bei mir beim ersten Lesen dieses Tagungsthemas, stellt sich als erstes sicherlich die Frage: Was ist Seamless Learning? Die ersten Gedanken dazu und auch in Tagungsgesprächen thematisiert: „Nahtloses“, mobiles Lernen – Lernen unabhängig von Zeit und Ort mit mobilen Endgeräten. Doch Moment mal, ist das nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Was ist neu am Gedanken „Seamless Learning“ im Unterschied zum „Mobile Learning“?

Sowohl die Keynote von Prof. Dr. Marcus Specht vom Welten Institut für Lernen, Lehren und Technologie an der Open University der Niederlande mit seinen vielen Beispielen als auch die inhaltlichen Erarbeitungen und Diskussionen innerhalb der Workshops machten deutlich, dass Seamless Learning noch viel „weiter gedacht“ ist und brachten eine Ahnung von der Vision, die hinter dem Begriff steht.

 

Dimensionen von Seamless Learning

Grundgedanke ist, sogenannte Lernbrüche zu überwinden und „nahtlose Lernübergänge“ zu schaffen. Diese Lernbrüche können sich beispielsweise entlang der Grenzen auftun, die sich innerhalb der Dimensionen Zeit und Ort ergeben, anhand technischer Grenzen verschiedener Endgeräte oder anhand von Lernaktivitäten, die nur für formelle Lernkontexte oder nur für individuelles oder nur für digital gestütztes Lernen konzipiert sind.

Nach Wong & Loi (2011 – What seams do we remove in mobile-assisted seamless learning? A critical review of the literature) kann Seamless Learning innerhalb von 10 Dimensionen folgende Ansätze verfolgen, um Lernübergänge zu schaffen:

  1. Vernetzung von formellem und informellem Lernen
    –> in Lernszenarien zu denken, die dazwischen nicht mehr unterscheiden, sondern übergreifend stattfinden
  2. Übergänge zwischen sozial integriertem und individuellem Lernen ermöglichen
  3. Zeitunabhängig
  4. Ortsunabhängig
  5. Ubiquitärer (allgegenwärtiger) Zugang zu Lernressourcen/ Wissen,
    das über Pull- bzw. Push-Technologien immer ad-hoc in der jeweils benötigten Situation (im jeweiligen Lernkontext) verfügbar ist – beispielsweise mit Hilfe von Sensoren oder GPS-Nutzung
  6. Verschmelzen von physischer und digitaler Welt
    (damit verbundene Stichworte sind auch „Augmented Reality“ bzw. „Internet der Dinge„)
  7. Wechsel bzw. kombinierte und jeweils angepasste Verwendung von mehreren Endgerätetypen
  8. Nahtloses Umschalten zwischen verschiedenen Lernaktivitäten
  9. Nahtloses Anknüpfen von neuem Wissen an Vorwissen (Wissenssynthese)
    durch passgenaue Lernangebote beispielsweise auf Basis von Learning Analytics
  10. Wechsel zwischen verschiedenen pädagogischen Modellen
    und dementsprechenden Lernaktivitäten sowie flexible Aufbereitung von Lerninhalten

 

Beispiele

„Light Up Edison Kit“ mit einem nahtlosen Übergang und den jeweiligen Vorteilen von physischer und digitaler Welt.
„Mobile Lehre Hohenheim“ mit einer Verschmelzung von physischer und digitaler Welt, ubiquitärer Nutzungsmöglichkeit, Zeit- sowie Ortsflexibilität und Vernetzung von formellem/ informellem sowie sozial integrierten und individuellem Lernen.In Verbindung mit diesem Beispiel sei auch die von Prof. Specht empfohlene offene Plattform „ARLearn“ genannt. Diese bietet Autorentools, mit denen sich Lehrende eine App, mit der sie ihre Studierenden „ins Feld schicken“ wollen, entsprechend ihrem Szenario anpassen können.

 

„Presentation Trainer“ ebenfalls mit einem nahtlosen Übergang von physischer und digitaler Welt mit Hilfe von Kinect-Sensoren. Auch könnte durch einen kombinierten Einsatz mit Präsenzworkshops oder integriertem Webkonferenztool ein Übergang zwischen sozial integriertem und individuellem Lernen ermöglicht werden.

 

„Maeve“ – eine Art interaktiver Tisch, der ebenfalls eine Verschmelzung von physischer und digitaler Welt als auch den nahtlosen Übergang von individuellem Lernen bzw. in der Gruppe ermöglicht.

 

Klaus, 26 Jahre alt, BWL-Student

In den Workshops der Zukunftswerkstatt haben wir versucht uns Gedanken darüber zu machen, wie Seamless Learning gestaltet sein könnte – sowohl im Hinblick auf die Technik mit offenen Schnittstellen, Standards, Responsivem Design oder Systemen für Multiple Distribution als auch im Hinblick darauf, wer eigentlich die Beteiligten dabei sind, welche Verantwortlichkeiten diejenigen haben, welche Voraussetzungen geschaffen sein müssen und welche didaktischen Ziele überhaupt dahinter stehen. Ebenso wurde zusammengetragen, welche aktuellen Ansätze von Seamless Learning es in der Hochschule im Hinblick auf Szenarien und Tools bereits schon gibt.

Im Workshop „Seamless Learning in der Praxis“, von Christina Gloerfeld und Heike Karolyi von der Fernuniversität Hagen, haben wir versucht uns dies ganz praktisch zu überlegen, in dem wir uns einen typischen Tagesablauf von Klaus vorgestellt haben, dem 26-jährigen BWL-Studenten, der gern sportlich unterwegs und im Umgang mit Medien und Technologie sehr affin ist. – In welchen Situationen lernt er im Laufe eines Tages? Wie könnte dies nach den Ansätzen von Seamless Learning aussehen?

Ein gedanklicher Entwurf von Seamless Learning im Kontext einer Vorlesung von Klaus sah in ungefähr folgendermaßen aus:

Klaus ist mit der Bahn auf dem Weg zur Vorlesung. Auf der Fahrt schaut er auf seinem Tablet nochmal in seine Moodle-App rein, die „weiß“, dass er als nächstes die Vorlesung Marketing hat und ihm dementsprechend Materialien, organisatorische Informationen und eine Lernfrage anzeigt, die seine Professorin für die Vorlesung vorbereitet hat. Bei der Lernfrage merkt er, dass er nochmal in eines der verlinkten Videos hinein schauen sollte und stellt dabei an einer Stelle fest, dass er etwas nicht verstanden hat. Er setzt sich einen Marker ins Video und nimmt sich vor später seine Kommilitonin nochmal dazu zu befragen, mit der er sich sowieso vor der Vorlesung zum Kaffee verabredet hat.

Beim Kaffee schauen die beiden dann nochmal über ihren Laptop in das Video rein, springen zum Marker, den sich Klaus als Gedankenstütze gesetzt und mit seiner Kommilitonin „geshared“ hatte und sie erklärt ihm wie sie es verstanden hat. Dabei fällt ihr ein, dass sie dazu letztens auch einen interessanten Artikel gelesen und in ihrem persönlichen Bereich auf der Lernplattform abgelegt hatte. Sie sucht diesen schnell heraus und „shared“ ihn mit Klaus.

Zu Beginn der Vorlesung stellt seine Professorin über eine Live-Abstimmung noch einmal eine Eingangsfrage, die sich inhaltlich auf die Lernfrage bezieht, welche sie vorbereitend in die Lernplattform reingestellt hatte. Dafür nimmt Klaus sein Smartphone zur Hand und nutzt die Abstimmungsfunktion der Moodle-App. Die Studierenden, die die Vorlesung gerade über den Live-Stream per Internet mitverfolgen, können auf gleichem Wege mit abstimmen.

Die Professorin geht danach zu ihrem Inhaltsinput über und stellt anschließend daran eine offene Frage, mit der sie die Ideen und Gedanken dazu von den Studierenden einholen möchte. Sie fordert dazu auf sich mit dem Sitznachbarn kurz dazu auszutauschen und die gemeinsamen Ideen auf der digitalen Pinnwand zu vermerken. Klaus kann dazu auch seine Moodle-App nutzen. Die digitale Pinnwand füllt sich – für alle über den Beamer sichtbar – Stück für Stück mit „Post-its“.

Nach der Vorlesung geht Klaus noch schnell in die Stadt, um Zubehör für sein neues Fahrrad zu kaufen. Dabei fällt ihm das Product Placement im Laden auf und er erkennt die Marketingstrategie dahinter, über die seine Professorin heute in der Vorlesung gesprochen hat. Er macht spontan mit seinem Smartphone ein Foto und lädt es in seine Lerngruppe über die Moodle-App hoch, um seine Kommilitonen auf dieses Beispiel hinzuweisen. Im Laufe des Tages entdecken auch die Anderen aus der Lerngruppe teils lustige Beispiele und laden diese ebenfalls hoch.

Voraussetzungen dieses Gedankenentwurfs sind stabiler W-LAN-Zugang überall, Import- und Export-Funktionen sowie Umwandlung von Formaten sind nicht mehr notwendig. Die Lernplattform ist das zentrale System für das Studium, fungiert als Single Source System für jegliche Materialien und bietet eine Persönliche Lernumgebung sowie verschiedene Apps, die auf ihr jeweiliges Nutzungsszenario angepasst sind. Benutzeroberflächen und Funktionen sind so gestaltet, dass sie auf die Vorteile des jeweiligen Endgeräts angepasst sind, so dass eine einfache und schnelle Nutzung möglich ist. Eine in den technischen Systemen integrierte Rechtelizenzverwaltung (mit Hilfe von Metadaten) und die etablierte Nutzung offener Lizenzen erlauben ein unkompliziertes Teilen von Lernressourcen.

 

Vision

Als Quintessenz wurde zum Ende der Zukunftswerkstatt besprochen, dass Seamless Learning zwar im ersten Moment recht technikgetrieben erscheint, die technischen Lösungen aber nur in sehr engem Dialog mit didaktischen Überlegungen und Szenarien gedacht werden sollten.

Auch ist immer wieder die Frage aufgekommen: Wollen wir das – „durchgehendes“, „immer“ Lernen? Erzeugt dies nicht einen immer währenden Druck? Sind manche Grenzen, beispielsweise zwischen formellem und informellem Lernen, nicht vielleicht auch gut? Wollen wir in den „Privatraum“ der Studierenden vordringen? -Schöne abschließende Statements dazu waren für mich die Gedanken „ethisch fundiertes Lehren und Lernen“ sowie ein „gemeinsames Aushandeln“ der Möglichkeiten von Seamless Learning zwischen Lehrenden und Studierenden. Sprich die Möglichkeiten von Seamless Learning nicht nur aus Lehrendensicht zu denken, sondern gemeinsam mit den Studierenden.

Auch habe ich für mich mitgenommen, dass Seamless Learning aktuell wirklich noch Vision ist, auch wenn es bereits einige Ansätze in der Hochschullehre gibt – sei es ganz simpel über das Responsive Design, auf das Lernplattformen mehr und mehr umgestellt werden, oder auch viele kleine Tools, die es bereits im Netz oder als Apps gibt, die Studierende übergreifend während ihres Studiums nutzen könnten.


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One thought on “Seamless Learning – Rückschau und Erkenntnisse aus der DINI-Zukunftswerkstatt

  • Anne Bieberstein

    Eine gut verständliche und praxisnahe Erläuterung von Seamless Learning ist im Übrigen auch bei Thomas Fößl „Seamless Learning: Eine Feldstudie über den Einsatz von problembasierten Lernvideos in einem offenen Mathematikunterricht“ (2014) in der offenen Publikationsreihe „Internet-Technologie und Gesellschaft“ zu finden. –> http://l3t.eu/itug/