Die eigene Lehre erforschen – Lohnt sich der Aufwand?


Ein Gastbeitrag aus der Forschung von Herrn Prof. Dr. Josef Wiemeyer, der in seinen Lehrveranstaltungen im Arbeitsbereich „Bewegung, Training und Sportinformatik“ im Fachbereich Humanwissenschaften verschiedenste E-Learning Elemente einsetzt und diese auch beforscht.

 

Die Ausgangsfrage – rhetorisch?

© geralt (CC0 public domain, https://pixabay.com/de/fenster-hand-lupe-suchen-kontrolle-1231894/)

© geralt (CC0 public domain, https://pixabay.com/de/fenster-hand-lupe-suchen-kontrolle-1231894/)

Die in diesem Beitrag gestellte Frage ist aus Sicht des Autors rhetorisch: Natürlich lohnt sich der Aufwand – sonst würde man ihn als Lehrender wohl kaum auf sich nehmen.

Trotzdem erfordert die Frage eine genaue Analyse. Erstens unterstellt die Frage, dass es Aufwand bedeutet, die eigene Lehre zu erforschen. Worin besteht dieser zusätzliche Aufwand – und wer hat diesen Aufwand? Zweitens stellt sich die Frage, wie denn der Lohn für den Aufwand zu definieren ist – mit anderen Worten: Was ist der Mehrwert? Drittens muss eine Bilanz aus Aufwand und Nutzen bzw. Mehrwert gezogen werden.

Damit ist die Gliederung für diesen Beitrag vorgezeichnet:

  • Zunächst werden Aspekte diskutiert, die den Aufwand betreffen. Hier sind verschiedene Phasen zu unterscheiden: Vorbereitung, Durchführung und Auswertung.
  • Danach werden mögliche Mehrwerte diskutiert. Diese können auf verschiedenen Ebenen liegen.
  • Den Abschluss bildet die persönliche Bilanz des Autors.

 

Vorbereitungsaufwand 1 – Ohne Theorie kein gezieltes Lehren!

Wenn man sein eigenes Lehren erforscht, sollte man systematisch vorgehen:

  • Die Maßnahmen sollten lerntheoretisch und (medien)didaktisch begründet sein. Zu jeder didaktischen Maßnahme existieren in der Regel zahlreiche Befunde, häufig bereits Meta-Analysen und Übersichtsarbeiten, die mehr oder weniger klar aufzeigen, welche Effekte realistisch sind und welche Bedingungen zu beachten sind. Beispiele sind „flipped classroom“ (z. B. O’Flaherty & Phillips, 2015), Abstimmungs-Systeme (z. B. Kay & LeSage, 2009) oder pädagogische Agenten (z. B. Schroeder & Adesope, 2014; Kim & Baylor, 2016).
  • Die Zeit des naiven Ausprobierens sollte der Vergangenheit angehören – Ausnahme: Innovative Lehrkonzepte, die weder theoretisch noch empirisch erforscht sind. Aus den vorliegenden Befunden lassen sich häufig konkrete Anhaltspunkte zur Gestaltung des Lehrangebotes sowie Hypothesen zu dessen Wirkung ableiten.

 

Vorbereitungsaufwand 2 – Materialien für Lernen und Forschung

Aufzeichnung einer Vorlesung im Studio (© Josef Wiemeyer)

Aufzeichnung einer Vorlesung im Studio (© Josef Wiemeyer)

Der Vorbereitungsaufwand bezieht sich auf zwei Aspekte:

  • Entsprechend dem gewählten didaktischen Ansatz müssen geeignete Lehr-Lern-Materialien erstellt werden, z. B. Vorlesungsaufzeichnungen für ein „Flipped-Classroom“-Konzept, Lernspiele oder Videoaufzeichnungen mit pädagogischen Agenten.
  • Darüber hinaus müssen geeignete Forschungsinstrumente ausgewählt und möglicherweise angepasst oder neu entwickelt werden. Dies kann sich auf drei Ebenen beziehen: die Lernaktivitäten der Studierenden, die Einstellungen und Erfahrungen der Studierenden und die Lernergebnisse.

 

Durchführungsaufwand

Die eigene Lehre zu erforschen bedeutet auch einen erhöhten Aufwand bei der Durchführung. Neben der Durchführung der eigenen Lehre müssen Forschungsinstrumente eingesetzt werden, welche die relevanten Effekte auf das Lernverhalten, die Lerneinstellung und die Lernergebnisse objektiv, reliabel und valide erfassen können.

Im Arbeitsbereich des Autors eingesetzte Blended-learning-Elemente (© Josef Wiemeyer)

Im Arbeitsbereich des Autors eingesetzte Blended-learning-Elemente (© Josef Wiemeyer)

 

Auswertungsaufwand

Im Rahmen der Erforschung der eigenen Lehre werden zusätzliche Daten erfasst, welche aufbereitet, analysiert und dargestellt werden müssen. So müssen ggf. Befragungen ausgewertet, Einstellungs- und Lerntests bewertet und statistisch analysiert werden.

Wenn man sich dann noch dafür entscheidet, die eigene Forschung zu publizieren, entsteht ein weiterer Aufwand.

 

Mehrwerte 1 – die eigene Lehre verbessern

Worin liegen nun die Mehrwerte der Erforschung der eigenen Lehre? Zunächst einmal erhält man differenziertere und verlässlichere Daten zu den Effekten der eigenen Lehre, als wenn man nur sporadische Rückmeldungen und Prüfungsleistungen auswertet. Diese können genutzt werden, um die Qualität der eigenen Lehre gezielt zu verbessern.

 

Mehrwerte 2 – die eigene Forschung publizieren

Zweitens können die erhobenen Daten in einschlägigen Journalen publiziert werden. Allerdings entsteht hier ein gravierender Zielkonflikt: Je höherwertig das Forschungsdesign angelegt wird, desto stärker ist der Eingriff in die Lehre. Wenn man z. B. ein Lehrexperiment mit randomisierter Zuordnung zu verschiedenen Treatments durchführt, welche möglicherweise nicht gleichwertig sind, ist dies kaum zu rechtfertigen: Schließlich sollen alle Studierenden die bestmöglichen Lernbedingungen erhalten.

Die Konsequenz ist häufig ein Kompromiss (ausführlich Wiemeyer, under review): Man nimmt Einschränkungen (z. B. Konfundierungen, Selbstselektionseffekte und fehlende Bedingungskontrolle) in Kauf, um die Flexibilität der Studierenden nicht zu stark einzuschränken – mit der Folge, dass die Reviewer in anspruchsvollen Journalen die methodischen Defizite als „fatal flaw“ brandmarken und den Beitrag ablehnen. Es reicht dann leider nur zu einer „quasiexperimentellen Feldstudie“! Den Nobelpreis wird man dieser Art von Forschung nicht gewinnen.

 

Ein persönliches Fazit

Wägt man die oben dargestellten Vor- und Nachteile der Erforschung der eigenen Lehre ab, so kann man sicherlich zu sehr unterschiedlichen Urteilen kommen. Das Urteil des Autors ist – wenig überraschend – positiv. Dies liegt sicherlich vor allem an drei Aspekten:

  • Lernen und speziell technologieunterstütztes Lernen ist ein Forschungsgebiet des Autors, in dem eine Vielzahl von Abschlussarbeiten und Promotionen durchgeführt wurden und aus dem zahlreiche Publikationen hervorgegangen sind.
  • Die Informationen zum Lernverhalten und den Einstellungen der Studierenden können dazu genutzt werden, die eigene Lehre gezielter auf die Bedürfnisse und Erwartungen der Studierenden abzustimmen.
  • In diesem Bereich sind auch Forschungsmittel akquiriert worden, z. B. das HeLPS-Projekt (Dokumentation: Wiemeyer & Hansen, 2010).

 

Literatur

Kay, R. H., & LeSage, A. (2009). Examining the benefits and challenges of using audience response systems: A review of the literature. Computers & Education, 53 (3), 819-827.

Kim, Y., & Baylor, A. L. (2016). Research-based design of pedagogical agent roles: a review, progress, and recommendations. International Journal of Artificial Intelligence in Education, 26, 160-169.

O’Flaherty, J., & Phillips, C. (2015). The use of flipped classrooms in higher education: A scoping review. The Internet and Higher Education, 25, 85-95.

Schroeder, N. L., & Adesope, O. O. (2014). A systematic review of pedagogical agents’ persona, motivation, and cognitive load implications for learners. Journal of Research on Technology in Education, 46 (3), 229-251.

Wiemeyer, J. (under review, 2017). Die eigene Lehre erforschen – Lohnt sich der Aufwand? E-learning & education, 13 (2017).

Wiemeyer, J. & Hansen, J. (Hrsg.). (2010). Hessische E-Learning-Projekte in der Sportwissenschaft. Das Verbundprojekt „HeLPS“. Köln: Sportverlag Strauß.

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