Lektion oder Lernpfad? Überlegungen und Umsetzung für eine adaptive Lerneinheit in Moodle 2


Gastbeitrag aus der Lehrpraxis der Lehrveranstaltung ‘Einführung in wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben’ für Maschinenbaustudierende von Carmen Kuhn & Felix Sehr

 

Dieser Blogeintrag möchte Ihnen den Entwicklungsprozess einer adaptiven Lerneinheit für die Lehrveranstaltung ‚Einführung in wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben‘ für Maschinenbaustudierende, von der ersten Idee bis zur Verwirklichung in Moodle näherbringen. Unsere Ziele, eigene Lernprozesse und die einzelnen Etappen stehen hierbei im Vordergrund. Abschließend werden wir einige praktische Aspekte beleuchten, die aus unserer Sicht relevant für das Erstellen einer Lerneinheit sind.

Lernpfad oder Lektion: welches Element passt besser zu meinen Zielen?

Die Veranstaltung ‚Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten und Schreiben‘ umfasst eine einführende Vorlesung und die anschließende Teilnahme an Tutorien in Kleingruppen. Der gleichnamige Moodlekurs stellt hierfür ein ergänzendes Angebot dar, das nach dem e-teaching-Konzept der Anreicherung aufgebaut ist. Diese Veranstaltung richtet sich an Maschinenbaustudentinnen und Maschinenbaustudenten, die direkt vor der Bachelorthesis stehen und durch die Teilnahme an der Lehrveranstaltung systematisch in ihrem Arbeitsprozess begleitet werden.

Innerhalb dieser Rahmenbedingungen hatten wir nun das Ziel, eine ansprechende Lerneinheit über das Paraphrasieren in Moodle anzubieten. Aus unserer Sicht sprachen die folgenden Punkte dafür, dieses Ziel zu verfolgen:

  1. Die TeilnehmerInnen haben sich bis zum jetzigen Zeitpunkt wahrscheinlich nur in der Selbstlektüre oder innerhalb der Tutorien mit dem Paraphrasieren auseinandergesetzt. Dieser eher theorielastigen Auseinandersetzung fehlt es an Überprüfung des Gelernten an praktischen Beispielen. Erst beim aktiven Schreiben der Bachelorthesis, also dem Übertrag des Gelernten in die Praxis, ergeben sich Problemstellungen, die in der Regel nicht von den Studierenden antizipiert werden.
  2. Die Lerneinheit soll für die TeilnehmerInnen orts- und zeitunabhängig durchführbar sein, ergo immer verfügbar sein. Dies spricht für die Umsetzung in Moodle. Ferner soll es durch ein anwenderorientiertes Feedback auch als indirektes Nachschlagwerk für die TeilnehmerInnen dienen. Sollten zum späteren Zeitpunkt Fragen aufkommen, besteht so die Möglichkeit, dies innerhalb der Übung nachzuschlagen.
  3. Auch bei tutoriellen Kleingruppen ist eine individuelle Betreuung nicht immer möglich. Um auf unterschiedliche Wissensstände rund um das Paraphrasieren reagieren zu können, sollte die Lerneinheit in Moodle adaptiv auf das Vorwissen der Studierenden reagieren. Dies bedeutet, dass z.B. Studierende mit Lücken in diesem Bereich mehr Informationen und auch Fragen erhalten sollen als Studierende mit guten Kenntnissen.
  4. Die Arbeit in den Kleingruppen, die von den TutorInnen begleitet wird, soll durch jene Lerneinheit unterstützt werden. So kann die Lerneinheit entweder als Vorbereitung oder Nachbereitung der jeweiligen Sitzung dienen. Daraus erhoffen wir uns auch eine größere Nachhaltigkeit der Lerninhalte bei den TeilnehmerInnen.

Natürlich sind auch weitere Ziele denkbar, die vor allem auf anderen Rahmenbedingungen beruhen. Sollte man z.B. keine Tutorenbetreuung anbieten können, kann eine Lerneinheit auch komplett in Moodle umgesetzt werden. Die ‚Online-Begleitung‘ wäre in diesem Fall dann eine Symbiose aus adaptiven Lernen und anwenderorientiertem Feedback. Ferner sind auch Kurztests oder Hausaufgaben in diesem Modell denkbar.

Welche Planungsschritte sind erforderlich?

Zu Beginn stand die Frage im Vordergrund, welche Art von Lerneinheit die geeignete für unsere Ziele ist. Zunächst waren die Eigenschaften der beiden Optionen Lernpfad und Lektion von Interesse.

Thematische Gegenüberstellung der Eigenschaften von Lernpfad und Lektion:

Lernpfad Lektion
global, über den gesamten Moodlekurs zu denken beschränkt auf einen thematischen Block, dafür intensiv
ist als längerfristige Lerneinheit zu verstehen sind als kurze Lerneinheiten zu verstehen
reagiert adaptiv erst nach Abschluss einer Aufgabe reagiert adaptiv innerhalb einer Lerneinheit
eignet sich für große Themen, wie „Einführung in das Fotografieren“ eignet sich für kleine und speziellere Themen wie „Fotografie: Brennweite“

Wie zu erkennen ist, sind Lernpfade eher global und auf den kompletten Moodlekurs anzuwenden. Lektionen eignen sich eher für kleine, aber intensive Lerneinheiten innerhalb eines thematischen Blocks im Kurs. Dennoch war es uns nicht möglich, allein aufgrund der Eigenschaften eine Entscheidung zu treffen. Deshalb entschieden wir uns dafür, beide Möglichkeiten praktisch in eine Lerneinheit umzusetzen.

Ein Lernpfad ist auf Grund der Struktur innerhalb kürzester Zeit umgesetzt gewesen, da es unterschiedliche Optionen auf vordefinierter Weise miteinander verbindet. Da das Paraphrasieren allerdings nur einen kleinen thematischen Teil des Kurses umfasst und gleichzeitig Lernpfade viel Raum in einem Moodlekurs einnehmen, wie in Abbildung 1 zu sehen, entschieden wir uns gegen diese Option.

Abb. 1: Raumwirkungen von Lernpfaden und Lektionen

Abb. 1: Raumwirkungen von Lernpfaden und Lektionen

Für die Planung, Umsetzung und Erstellung einer 8- 15minütigen Lektion benötigten wir etwa 2-3 Wochen. Allerdings wurde zunächst auf überwiegend vorgefertigte Texte zurückgegriffen. Sollte also eine komplette Neuentwicklung angedacht sein, muss je nach Umfang der Lerneinheit mehr Zeit eingeplant werden. Gleichzeitig fügte sich die Lektion weitaus besser in das Gesamtbild des Moodlekurses ein, da jene für sich alleine stand.

Der anschließende Test der Lektion zeigte, dass die bisher verwendeten Texte besser auf die Zielgruppen angepasst werden müssen. Wir entschieden uns für einfache und bekannte Textbeispiele um einen niederschwelligen Einstieg in die Thematik zu gewährleisten, wie zum Beispiel Märchentexte. Hierdurch ist der Fokus auf den Inhalt und die Vermittlung des Lerninhalts gewährleistet, da komplexe Textinhalte nicht erst analysiert und verstanden werden müssen. Zudem steigen der Schwierigkeitsgrad und die Komplexität der Fragen im Verlauf der Lektion an. Die neuen Texte wurden Ende August 2015 eingepflegt und die fertige Lektion steht den Studierenden ab dem Wintersemester 2015/16 zur Verfügung.

Beispielausschnitt aus der Lektion zum Zitieren und Paraphrasieren

Welche Erfahrungswerte bzw. Hilfestellungen können wir aus der Praxis mitgeben?

  1. Eine Lektion kostet vor allem in der Planungsphase viel Zeit. Gleichzeitig ist eine intensive Planung wichtig, um sich später Arbeit zu sparen. Daraus ergibt sich auch: unbedingt testen. Gerade bei Lektionen erscheint im ersten Moment Moodle als sehr komplex, hier kann es zu Fehlern kommen.
  2. So konstatierten wir beim Testen der Lektion, dass die Zurück-Funktion im Internetbrowser nach wie vor funktionierte. NutzerInnen konnten somit z.B. bei falscher Eingabe wieder zurück und die Frage nochmals beantworten. Ein Fehler der laut der Moodle Hilfe der Technischen Universität Darmstadt generell nicht vorkommen sollte. Aktuell wird versucht, seitens der Moodle Hilfe, diesen Bug zu lösen.
  3. Als motivierend und sinnstiftend empfanden wir einen Aufbau der Lektion von leicht nach schwer. So ist die Lektion nicht nur adaptiv auf den Wissensstand der TeilnehmerInnen, sondern alle Studierende finden zunächst einen motivierenden leichten Einstieg vor, der sich bis hin zu einer schwierigen Aufgabe steigert, die die zentralen Funktionen von wissenschaftlicher Quellenarbeit thematisiert.
  4. Die Lektion ohne Begrenzung hinsichtlich der Wiederholbarkeit anzubieten, sehen wir in unserem Fall als Vorteil an. So hat man die Wahl über sein eigenes Tempo und kann jederzeit die Lektion wiederholen. Das sehen wir für eine Lerneinheit, die nicht bewertungsrelevant ist, als motivierender an.
  5. Bei unserer Lerneinheit fanden wir es wichtig, Fragen und Antworten zu entwickeln, die einen Transfer des Wissens auf einen Anwenderkontext erforderten. Dies liegt darin begründet, dass die Antworten nicht über eine schnelle Anfrage bei einer Suchmaschine zu finden sein sollten. Aus diesem Grund sind die Fragen so konzipiert, dass eine Online-Suche höchstens als weitere Hilfestellung dienen kann. So kann gewährleistet werden, dass die TeilnehmerInnen den Input auf die Frage transferieren müssen und damit praktisch anwenden.

 

Die E-Learning Aktivitäten in der Veranstaltung ‘Einführung in wissenschaftliches Arbeiten und Schreiben’ für Maschinenbaustudierende wurden mit Unterstützung durch das Förderprogramm Studentische E-Learning Tutoren realisiert.


Kommentar erstellen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

2 Gedanken zu “Lektion oder Lernpfad? Überlegungen und Umsetzung für eine adaptive Lerneinheit in Moodle

  • Luka Peters

    Vielen Dank für den Beitrag. Eine für mich zentrale Frage bleibt aber unbeantwortet: Wie wurde die Adaption an das individuelle Niveau der Lernenden umgesetzt? Könnt ihr dazu noch ergänzen?

  • Carmen Kuhn

    Guten Tag Herr Peters,
    danke für Ihre Rückfrage. Moodle bietet uns für den Lernpfad und die Beantwortung der Fragen im Multiple Choice-Verfahren folgende Möglichkeit:
    Je nachdem, welche Antwort gewählt wird ( a) richtig = der/die BeantworterIn hat ein gutes Vorwissen; b1) nicht richtig = die Wahl lässt erkennen, dass lückenhaftes Vorwissen vorhanden ist oder b2) nicht richtig = die Wahl der Antwort lässt erkennen, dass kaum/kein Vorwissen vorhanden ist) wird der User in einen anderen Lernweg geleitet. Die Reihenfolge der Antwortmöglichkeiten wird zufällig gesteuert. Es ist also zufällig verteilt, an welcher Stelle welche Antwort zur Auswahl steht.
    Wird die Möglichkeit gewählt, die lückenhaftes Vorwissen erkennen lässt, werden thematisch passende Informationen präsentiert und dieser Lernweg mit einer Frage abgeschlossen. Wird die Möglichkeit gewählt, die kaum/kein Vorwissen erkennen lässt, werden vertiefende Informationen präsentiert und ggf. auf angrenzende Bereiche verwiesen. Auch diese Einheit schließt den Lernweg mit einer Frage ab. Der Endpunkt der Lektion ist für alle User identisch.

    Hier ein Beispiel anhand der aufgeführten Screenshots, um unser Vorgehen zu verdeutlichen. Abb. 4 zum direkten Zitieren zeigt eine Frage mit 3 Antwortmöglichkeiten. Die abgebildeten Antworten sind in der dort aufgeführten Reihenfolge:
    1) Falsche Antwort, da das direkte Zitat nicht gekennzeichnet wurde + zusätzlich ein Plagiat -> Schleife: Erläuterungen zum Zitieren und Hinweis auf das Plagiat
    2) Falsche Antwort, da kein direktes Zitat, sondern ein indirektes Zitat -> Schleife: Erläuterungen zum Zitieren und Hinweis auf das indirekte Zitat (Paraphrase)
    3) Richtige Antwort
    Der/die NutzerInnen werden also je nach der gewählten falschen Option in verschiedene Schleifen geschickt, die bei der Wahl der korrekten Antwort übersprungen werden.
    Freundliche Grüße
    Carmen Kuhn